KI
Kann KI jetzt jede Software nachbauen?
Ein GitHub-Projekt namens REA hat in sechs Monaten über 280'000 Stars gesammelt. Es soll KI-Agenten jede Software zerlegen lassen. Was davon stimmt, und wo es für KMU tatsächlich nützlich wird.
In den letzten Wochen häufen sich die Schlagzeilen. KI hat Photoshop nachgebaut. Hobbyentwickler machen aus alten Konsolenspielen PC-Versionen. Und ein Projekt mit dem Namen «REA: Reverse Engineer Anything» gehört zu den meistbeachteten auf GitHub.
Dahinter steckt eine echte Entwicklung. Programme zu untersuchen, deren Quellcode man nicht hat, ist mit KI deutlich günstiger geworden. Daraus folgt aber nicht, dass jetzt jede Software in ein paar Tagen kopiert ist.
Was REA macht
Reverse Engineering heisst, ein fertiges Programm zu untersuchen, um zu verstehen, wie es funktioniert. Dafür gibt es seit Jahren Spezialwerkzeuge wie Ghidra, das ursprünglich von der amerikanischen NSA stammt, oder IDA. Sie übersetzen Maschinencode zurück in etwas, das ein Mensch lesen kann. Die Arbeit damit ist zäh und braucht viel Erfahrung.
REA verbindet KI-Agenten wie Claude Code, Codex oder Cursor mit diesen Werkzeugen. Der Agent stellt Fragen, die Werkzeuge liefern Antworten, und am Ende steht eine Erklärung mit den Belegen, auf denen sie beruht. Untersuchen lassen sich klassische Programme, Electron-Apps, .NET-Anwendungen, Android-Apps, Websites und Firmware. Die Analyse läuft lokal, der Code steht unter der MIT-Lizenz (REA auf GitHub).
Das Projekt wurde im April 2026 angelegt und hat Mitte Oktober über 283’000 Stars. Mit einem Star merken sich Entwickler auf GitHub ein Projekt, ähnlich wie mit einem Lesezeichen. Für ein Werkzeug dieser Art ist das ungewöhnlich viel.
Interessant ist ein Widerspruch in der eigenen Beschreibung. Die Startseite wirbt damit, man könne eine Funktion in einer fremden App untersuchen lassen und eine eigene Version davon bauen. Der Haftungsausschluss hält fest, dass das Projekt beim Kopieren proprietärer Software und beim Umgehen von Kopierschutz nicht hilft (Disclaimer). Wo genau die Grenze liegt, überlässt REA den Nutzern.
Photoshop in Rust, Konsolenspiele auf dem PC
Das zweite Beispiel, das gerade die Runde macht, ist PhotoCraft. Der Entwickler Brandon Thomas hat mit KI-Werkzeugen einen Nachbau von Photoshop in der Programmiersprache Rust geschrieben, dazu weitere Programme nach dem Vorbild der Adobe-Produkte. PhotoCraft beschreibt sich selbst als Neuentwicklung, die nicht auf Adobes Code beruht, und als «early alpha» (PhotoCraft auf GitHub). Das ist ein eigenes Projekt, gehört aber zum gleichen Trend: KI baut bestehende Software nach.
Bei Spielen ist die Entwicklung älter. Seit Jahren übersetzen Hobbyentwickler alte Konsolenspiele in Code, der direkt auf dem PC läuft. Neu ist, dass einige dafür KI-Modelle wie Claude oder Qwen einsetzen. Das spaltet die Szene: Manche Projekte nutzen KI offen, andere werben ausdrücklich damit, dass keine generative KI im Spiel war (Dot Esports). Die bekannten Projekte liefern in der Regel weder Spieldaten noch Grafiken mit. Wer spielen will, braucht eine eigene Kopie des Originals.
Günstiger heisst nicht einfach
Der brasilianische Entwickler Fabio Akita hat sich die Beispiele genauer angesehen (Akita on Rails). Seine Befunde sind nüchtern:
- PhotoCraft hatte nach rund zwei Wochen über 800 offene Fehlermeldungen und Lücken bei Farbmanagement und Photoshop-Dateien.
- KI-Modelle, die Maschinencode zurückübersetzen, liefern in Tests bei einzelnen Funktionen in etwa 60 bis 65 Prozent der Fälle korrekten Code.
- Ein altes NES-Spiel ist rund 40 Kilobyte gross, ein aktuelles Spiel wie Baldur’s Gate 3 rund 150 Gigabyte.
- Vieles, was moderne Software wertvoll macht, liegt in Cloud-Diensten, Daten und Lizenzen. Dafür gibt es kein Programm, das man zerlegen könnte.
Akitas Fazit zu REA: ein gutes Werkzeug für jemanden, der Reverse Engineering bereits beherrscht.
Wir sehen das ähnlich. Ein Agent, der Ghidra bedienen kann, spart viel Zeit.
Ob seine Erklärung stimmt, muss trotzdem jemand prüfen, und das kann nur, wer die Ausgabe selbst lesen könnte.
Das passt zu dem, was wir im Beitrag Software ist kein knappes Gut mehr beschrieben haben: Programmieren wird günstiger, der Wert verschiebt sich zu Daten, Betrieb und Verständnis der Abläufe.
Wo es für KMU nützlich wird
Photoshop nachzubauen, ist für ein KMU kein Thema. Ein anderes Problem kennen dagegen viele: eine alte Software, die den Betrieb zusammenhält. Der Hersteller existiert nicht mehr, eine Dokumentation gibt es nicht, und die Daten stecken in einem Format, das niemand kennt.
Wer so ein System ablösen will, muss zuerst verstehen, was es tut. Welche Daten liegen wo? Wie berechnet das Programm einen Preis? Welche Schnittstelle erwartet die Maschine in der Werkstatt? Bisher hiess das: viele Stunden Handarbeit mit Spezialwerkzeugen, oft so teuer, dass man das alte System lieber weiterlaufen liess.
Hier sehen wir den eigentlichen Nutzen von Werkzeugen wie REA. Es geht darum, ein eigenes Altsystem gut genug zu verstehen, um die Daten sauber zu übernehmen und den Nachfolger richtig anzuschliessen. Das ist unsere Einschätzung. Wie gut es im Einzelfall klappt, hängt stark vom System ab.
Was das Gesetz erlaubt
In der Schweiz regelt Artikel 21 des Urheberrechtsgesetzes das Entschlüsseln von Programmen. Wer ein Programm rechtmässig nutzt, darf den Code entschlüsseln, um Informationen über Schnittstellen zu gewinnen, die für das Zusammenspiel mit unabhängig entwickelten Programmen nötig sind. Diese Informationen dürfen nur dafür verwendet werden (Art. 21 URG).
Nicht erlaubt ist laut Verordnung, damit ein Programm mit im Wesentlichen ähnlicher Ausdrucksform zu entwickeln oder zu vermarkten. Dazu kommen Lizenzverträge, die das Untersuchen oft ausdrücklich verbieten.
Für das typische KMU-Szenario heisst das: Die eigenen Daten aus einer alten Software herausholen und einen Nachfolger anbinden, liegt eher auf der sicheren Seite. Ein fremdes Produkt nachbauen und verkaufen, eher nicht. Im Zweifel gehört die Frage vor dem Projekt zu einer Fachperson für Urheberrecht.
Was bleibt
REA, PhotoCraft und die Spieleportierungen zeigen, wie schnell KI-Agenten bei Aufgaben besser werden, die bisher wenigen Spezialisten vorbehalten waren. Wer Software verkauft, deren einziger Schutz darin besteht, dass Nachbauen aufwendig ist, sollte das ernst nehmen.
Für die meisten KMU ist die Nachricht eine andere. Ein altes System, das man aus Angst vor dem Aufwand nicht anfassen wollte, dürfte sich heute deutlich günstiger verstehen und ablösen lassen als noch vor wenigen Jahren.